Europa: "Deutsch-französische Städtepartnerschaften haben eine entscheidende Rolle zu spielen".

Die Stadt Angers in der Region Pays de la Loire im Westen Frankreichs und Osnabrück sind seit über 50 Jahren Partnerstädte. Beide Städte haben eine vorbildliche, kommunale e Zusammenarbeit entwickelt.(1) Wir haben Jean-Marc Minier, den Vorsitzenden des „Maison de l’Europe Angers & Maine-et-Loire – Europe Direct“ und Jens Koopmann, Leiter des Städtepartnerschaftsbüros der Stadt Osnabrück getroffen(2), um über ihre Vision von Städtepartnerschaften und die Rolle von Jugendlichen zu sprechen.

Missions Publiques. Sie „entstauben“ die Vision der Städtepartnerschaft mit innovativen Programmen. Ich denke dabei insbesondere an Ihren ganzjährigen Austausch von Städtebotschaftern. Inwiefern können Städtepartnerschaften das Zugehörigkeitsgefühl der europäischen BürgerInnen, insbesondere der jungen Menschen, heutzutage stärken?

Jean-Marc Minier. Seit über fünfzig Jahren hat Angers ein System für den Austausch junger Botschafter mit seinen Partnerstädten eingerichtet. Im Rahmen dieses Projekts wird jedes Jahr ein junger Angevin ernannt, der Angers in einer Partnerstadt vertreten soll: Osnabrück in Deutschland; Wigan in Großbritannien; Pisa in Italien. Der ausgewählte Botschafter für Osnabrück  arbeitet  ein Jahr lang als Angestellter der deutschen Stadt. Seine Aufgabe ist es, einen aktiven Beitrag zur Entwicklung der Städtepartnerschaft zutragen. Angers erhält im Gegenzug für denselben Zeitraum einen jungen Menschen aus Osnabrück. Die Botschafter der Partnerstädte tragen dazu bei, den Jugendlichen in Angers Deutschland, seine Kultur und seine Lebensart besser bekannt zu machen. Es ist eine Gelegenheit für sie, sich der Gemeinsamkeiten der Europäer bewusst zu werden, aber auch des Reichtums ihrer Vielfalt. Es ist auch eine Gelegenheit für sie zu entdecken, was eine europäische Mobilitätserfahrung mit sich bringt

Jens Koopmann. Gerade die jungen Menschen, die als Städtebotschafter auch eine offizielle Funktion wahrnehmen, können durch ihre Arbeit, ihre Ideen und ihre Kreativität die Städtepartnerschaft – und damit auch das Thema „Europa“ – lebendig gestalten. Aufgrund ihres Alters haben sie sehr guten Zugang zu jungen Menschen und verstärken so den direkten Austausch (z. B. bei Schulbesuchen: Präsentation der Partnerstadt und des Landes sowie europarelevanter Themen in unterschiedlichsten Klassenstufen und Schulformen sowie aktive Teilnahme am fremdsprachlichen Unterricht). Und da setzen die Städtepartnerschaften als Brücke zwischen den Menschen an: über Begegnungen, Projekte und Austausche kann gemeinsam etwas erlebt werden, Vorurteile können abgebaut und Vertrauen aufgebaut werden, und das auch zu europäischen Themen.

« In Zukunft ist es notwendig, den Austausch im Rahmen von Bürgerdialogen weiterzuentwickeln, um jungen Menschen Möglichkeiten zur aktiven Bürgerbeteiligung zu ermöglichen.

Jens Koopmann

Missions Publiques. Ihre beiden Städte haben an der Konferenz über die Zukunft Europas teilgenommen. 60 Einwohnerinnen und Einwohner aus Angers und Osnabrück haben Handlungsvorschläge formuliert. Was nehmen Sie aus dem Projekt mit?

Jean-Marc Minier. Ich nehme besonders die Erkenntnis der guten Übereinstimmung von  Vorschlägen zu den Themen Bildung und europäische Werte; Mobilität und Jugendaustausch für ein besseres gegenseitiges Verständnis und die Erwartung einer Kommunikation der Europäischen Union, die besser auf junge Menschen ausgerichtet ist, mit. Unsere Vorschläge zum Thema „Die Zukunft der europäischen Jugendpolitik“ zielten insbesondere auf eine stärkere Präsenz der EU mit jugendlichem Zielpublikum in den sozialen Netzwerken sowie auf mehr Kommunikation und Werbung rund um den Europäischen Freiwilligendienst ab.

Jens Koopmann. Es hat sich gezeigt, dass über die Städtepartnerschaft die Themen Europa, Frieden, politische Partizipation, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie oder auch Umweltschutz und Nachhaltigkeit direkt zu den Menschen gebracht werden können. Es besteht auch zukünftig großer Bedarf, im Rahmen von Bürgerdialogen im Gespräch zu bleiben und vor allem jungen Menschen aktive Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen.

«  Im Kontext der deutsch-französischen Städtepartnerschaften sollten neue Projektrahmen erschaffen werden, die den Erwartungen der Jugendlichen entsprechen und den Austausch in beiden Sprachen noch stärker fördern.

Jean-Marc Minier

Missions Publiques. Der Elysée-Vertrag feiert bald sein 60-jähriges Jubiläum. Wie sieht Ihre Vision für Städtepartnerschaften in den kommenden Jahren aus? Was sind die großen Themen und Herausforderungen?

Jean-Marc Minier. Um die Städtepartnerschaften dauerhaft zu erhalten, ist es wichtig, dass sich die Jugendlichen engagieren. Dazu muss man kreativ sein, um Formen des Austauschs und Dialogs zu erfinden, die für junge Menschen geeignet sind. Gemeinsame Projekte können dazu beitragen, ein besseres gemeinsames Kennenlernen und Verständnis zu erleichtern. Die Organisation gemeinsamer Besuche des Europäischen Parlaments der Partnerstädte verbunden mit Treffen der  Europaabgeordneten aus den jeweiligen Wahlkreisenkann dazu beitragen, ein europäisches Bewusstsein zu schmieden. Was die deutsch-französischen Städtepartnerschaften betrifft, die im Übrigen sehr zahlreich sind, sollten die Modalitäten erneuert werden, um sie an die Erwartungen der Jugendlichen anzupassen. Außerdem sollte der Austausch in beiden Sprachen für deutsche Jugendliche, die Französisch lernen, und für französische Jugendliche, die Deutsch lernen, gefördert werden. Es wäre hilfreich, wenn ihre jeweiligen Lehrer in diesen Ansatz eingebunden, wenn nicht sogar die treibende Kraft wären. Eine Sensibilisierung für die Geschichte der beiden Länder wäre ebenfalls willkommen.

Jens Koopmann. Städtepartnerschaften haben auch in Zukunft eine entscheidende Bedeutung: Menschen miteinander in den Austausch bringen und durch gemeinsam Erlebtes Misstrauen ab- und Vertrauen aufzubauen, neue Netzwerke zu bilden und noch stärker über tri- oder multilaterale Projekte Menschen verschiedener Länder zusammenzubringen. Vor allem junge Menschen müssen hier noch intensiver angesprochen und eingebunden werden, damit sie sich engagieren können und ein europäisches Bewusstsein entwickeln, wie Jean-Marc bereits erwähnte. Wie erleben junge Menschen Europa? Was denken sie über Europa, in dem Grenzen, die überwunden schienen, wieder hochgezogen werden? Oder wie können sich junge Menschen für ein geeintes Europa engagieren? Und wie steht es um unsere Demokratie in Europa? Welches geschichtliche Bewusstsein haben wir? Städtepartnerschaften – so auch die deutsch-französischen – werden immer wieder von unterschiedlichen äußeren Einflüssen und sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt. Darauf müssen alle Akteure flexibel reagieren. Insbesondere für Jugendliche sollen Städtepartnerschaften weiterhin attraktiv sein, so dass sie sich auch zukünftig dafür engagieren und dadurch zum Erhalt beitragen. Dafür müssen neue kreative Projekte und Austauschformate entwickelt werden. Denkbar wären z. B. der gemeinsame Besuch von europäischen Einrichtungen oder die stärkere Förderung der jeweils anderen Sprache.


(1) https://www.diplomatie.gouv.fr/de/frankreichs-beziehungen-zu-deutschland-osterreich-und-der-schweiz/dezentralisierte-zusammenarbeit/article/angers-und-osnabruck-pioniere-im-bereich-der-stadtepartnerschaft-dank-ihres
(2) https://www.osnabrueck.de/staedtepartnerschaften
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